Wer mit Kindern nach Spanien auswandert, steht irgendwann vor der Frage: Wie funktioniert das eigentlich mit der Schule? Zwischen Guardería, ESO und Bachillerato tauchen jede Menge spanische Begriffe auf, die im deutschen Bildungssystem so keine Entsprechung haben. Damit ihr von Anfang an wisst, was auf euch und eure Kinder zukommt, nehme ich euch heute mit durch das komplette spanische Schulsystem. Von den ersten Jahren in der Educación Infantil bis zum Hochschulabschluss.
Das spanische Schulsystem auf einen Blick
Das spanische Bildungssystem lässt sich für Familien vereinfacht in folgende Abschnitte einteilen:
- Educación Infantil (0–6 Jahre) – frühkindliche Bildung
- Educación Primaria (6–12 Jahre) – Grundschule
- Educación Secundaria Obligatoria, kurz ESO (12–16 Jahre) – Sekundarstufe I
- Bachillerato oder Formación Profesional (16–18 Jahre) – Sekundarstufe II
Danach folgt optional die Hochschulbildung: Universität oder höhere Berufsausbildung. Zuständig für die konkrete Ausgestaltung sind übrigens nicht nur der spanische Staat, sondern auch die einzelnen Autonomen Gemeinschaften – deshalb können sich Details (z. B. Ferienzeiten oder Unterrichtssprache) von Region zu Region unterscheiden.
Educación Infantil: Guardería und Escuela Infantil (0–6 Jahre)
Die Begriffe Guardería und Escuela Infantil werden in Spanien oft synonym verwendet, sind aber nicht ganz dasselbe. Guardería ist ein allgemein gebräuchlicher Begriff für die Betreuung kleiner Kinder. Bei der Escuela Infantil handelt es sich dagegen um eine offiziell anerkannte Bildungseinrichtung für den 1. Zyklus der Educación Infantil (0–3 Jahre). Sie unterliegt den Vorgaben der jeweiligen Bildungsbehörden und arbeitet mit entsprechend qualifiziertem pädagogischem Personal.
Der 2. Zyklus (3–6 Jahre) findet häufig bereits an regulären Schulen, zum Beispiel einem öffentlichen CEIP, statt. Er gehört offiziell zum Bildungssystem, folgt einem Lehrplan und wird von entsprechend ausgebildeten Lehrkräften durchgeführt. Der Besuch ist freiwillig und an öffentlichen Einrichtungen kostenlos.
Educación Primaria: Die Grundschule (6–12 Jahre)
Mit sechs Jahren beginnt die Schulpflicht. Anders als man es aus Deutschland kennt, richtet sich die reguläre Einschulung grundsätzlich nach dem Kalenderjahr. Kinder, die im selben Kalenderjahr sechs Jahre alt werden, beginnen normalerweise gemeinsam die 1º de Primaria..
Die Educación Primaria dauert sechs Jahre und ist in drei zweijährige Zyklen gegliedert (1./2., 3./4. und 5./6. Klasse). Sie ist an öffentlichen Schulen kostenlos – das gilt auch für Kinder ohne spanische Staatsangehörigkeit.
Der Unterricht deckt die klassischen Grundfächer ab: Sprache und Literatur, Mathematik, Natur- und Sozialwissenschaften, Kunst, Sport sowie eine Fremdsprache, meist Englisch.
Je nach Region kann neben Spanisch eine weitere Amtssprache eine wichtige Rolle im Unterricht spielen. In der Comunitat Valenciana ist das beispielsweise Valencianisch, in Katalonien Katalanisch, im Baskenland Baskisch und in Galicien Galicisch. Welche Sprachen in welchem Umfang unterrichtet werden, hängt von der jeweiligen Region und dem konkreten Schulmodell ab.
Schulformen: In Spanien unterscheidet man drei Trägertypen, die auch für die weiteren Stufen relevant bleiben:
- Colegios públicos: staatliche Schulen, kostenlos
- Colegios concertados: Schulen in privater Trägerschaft mit öffentlicher Finanzierung, grundsätzlich kostenlos, zusätzliche freiwillige Leistungen können Kosten verursachen.
- Colegios privados: Privatschulen mit freier Preisgestaltung
ESO: Die Sekundarstufe I (12–16 Jahre)
Nach der Primaria folgt die Educación Secundaria Obligatoria (ESO) – ebenfalls Pflicht und in vier Kursen (1º bis 4º ESO) organisiert. Anders als im deutschen System gibt es hier keine Aufteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium – alle Kinder besuchen gemeinsam dieselbe Schulform, meist ein Instituto de Educación Secundaria (IES).
Die ersten drei Jahre vertiefen die allgemeine Grundbildung. Im 4º ESO können die Schülerinnen und Schüler ihren weiteren Bildungsweg stärker vorbereiten. Das vierte Jahr hat ausdrücklich einen orientierenden Charakter und soll auf unterschiedliche Wege nach der ESO vorbereiten, etwa auf das Bachillerato oder eine berufliche Ausbildung.
Wer die ESO erfolgreich abschließt, erhält den Graduado en Educación Secundaria Obligatoria., dieser berechtigt sowohl zum Übergang ins Bachillerato als auch zu einer Formación Profesional de Grado Medio (mittlere Berufsausbildung). Für deutsche Leser lässt sich der Abschluss grob mit einem mittleren Schulabschluss vergleichen, auch wenn die Bildungssysteme nicht 1:1 vergleichbar sind.
Auch ohne ESO-Abschluss gibt es weitere Bildungswege. Unter bestimmten Voraussetzungen können Jugendliche beispielsweise eine Formación Profesional de Grado Básico beginnen. Auch über andere Zugangswege kann der Bildungsweg anschließend fortgesetzt werden.
Bachillerato oder Formación Profesional? (16–18 Jahre)
Mit 16 Jahren endet die Schulpflicht, und es öffnen sich verschiedene Wege:
Das Bachillerato (Sekundarstufe II)
Das Bachillerato dauert zwei Jahre (1º und 2º Bachillerato) und ist am ehesten mit der gymnasialen Oberstufe in Deutschland vergleichbar. Es bereitet gezielt auf ein Hochschulstudium vor und gliedert sich in vier Schwerpunkte (modalidades):
- Ciencias y Tecnología (Naturwissenschaften/Technik)
- Humanidades y Ciencias Sociales (Geistes- und Sozialwissenschaften)
- Artes (Kunst)
- General (breitere Allgemeinbildung)
Der Abschluss heißt Título de Bachiller und ist der wichtigste schulische Abschluss auf dem Weg zur Universität. Er ist für deutsche Leser grob mit dem Abitur vergleichbar, die Zugangssysteme sind allerdings unterschiedlich.
Die Formación Profesional (FP)
Wer stärker praxisorientiert lernen möchte, kann nach der ESO eine berufliche Ausbildung beginnen. Die Formación Profesional umfasst drei Stufen:
- Grado Básico: ein beruflicher Bildungsweg innerhalb der Educación Básica, der unter bestimmten Voraussetzungen bereits während der Schulpflicht begonnen werden kann.
- Grado Medio (mittlere Stufe): Zugang unter anderem mit dem ESO-Abschluss, Dauer meist zwei Jahre, Abschluss mit dem Título de Técnico.
- Grado Superior (höhere Stufe): Zugang ist unter anderem mit dem Bachillerato oder einem Título de Técnico de Grado Medio möglich. Außerdem gibt es weitere gesetzlich geregelte Zugangswege und eine Zugangsprüfung. Die Ausbildung dauert meist zwei Jahre und endet mit dem Título de Técnico Superior. Damit ist grundsätzlich auch ein Zugang zur Universität ohne die allgemeine PAU möglich. Für die Zulassung zu besonders nachgefragten Studiengängen können jedoch zusätzliche Regelungen und Gewichtungen eine Rolle spielen.
Die Formación Profesional bietet zahlreiche praxisorientierte Ausbildungswege und kann je nach Ausbildung direkt auf den Berufseinstieg oder auf eine weitere Qualifikation vorbereiten.
Der Zugang zur Universität: Die PAU
Wer mit dem spanischen Bachillerato an eine Universität möchte, muss grundsätzlich die Hochschulzugangsprüfung PAU (Prueba de Acceso a la Universidad) absolvieren, umgangssprachlich häufig noch „Selectividad“ genannt. In den verschiedenen Comunidades Autónomas können unterschiedliche Bezeichnungen verwendet werden (EBAU, EvAU, ABAU …), Aufbau und Grundprinzip sind aber landesweit vergleichbar.
Die Zugangsnote errechnet sich aus 60 % der Bachillerato-Durchschnittsnote und 40 % der Note aus dem verpflichtenden Prüfungsteil der PAU. Die Prüfungsnote muss mindestens 4 Punkte betragen, damit sie für die Berechnung der Zugangsnote berücksichtigt werden kann. Wer eine höhere Zulassungsnote für einen begehrten Studiengang braucht, kann in einer freiwilligen Phase zusätzliche Fächer ablegen und sich damit die Note weiter verbessern.
Inhaber eines Título de Técnico Superior (höhere FP) haben übrigens einen alternativen, prüfungsfreien Weg an die Uni: Ihre Zulassungsnote ist der Notendurchschnitt aus der Berufsausbildung.
Die Hochschulbildung: Grado, Máster, Doctorado
Das spanische Hochschulsystem folgt – wie in den meisten europäischen Ländern – dem Bologna-System:
- Grado (Bachelor): meist 4 Jahre, je nach Studiengang auch länger
- Máster (Master): meist 1–2 Jahre
- Doctorado (Promotion): forschungsorientiert, im Anschluss an den Master
Universitäten gibt es sowohl in staatlicher (universidad pública) als auch privater Trägerschaft (universidad privada), mit teils deutlichen Unterschieden bei Studiengebühren und Zulassungsvoraussetzungen.
Alle Abschlüsse auf einen Blick
| Bildungsstufe | Alter als Orientierung | Dauer | Abschluss |
|---|---|---|---|
| Educación Infantil | 0–6 | 1. Zyklus 3 Jahre 2. Zyklus 3 Jahre | kein formaler Abschluss |
| Educación Primaria | 6–12 | 6 Jahre | kein formaler Abschluss |
| ESO | 12–16 | 4 Jahre | Título de Graduado en ESO |
| FP Grado Básico | ab ca. 15 | i.d.R. 2 Jahre | Técnico Básico |
| Bachillerato | ca. 16–18 | 2 Jahre | Título de Bachiller |
| FP Grado Medio | meist ab 16 | i.d.R. 2 Jahre | Técnico |
| FP Grado Superior | meist ab 18 | i.d.R. 2 Jahre | Técnico Superior |
| Universität | ab ca. 18 | je nach Studium | Grado → Máster → Doctorado |
Fazit: Ein System mit klarer Struktur und ein paar Besonderheiten
Das spanische Schulsystem mag auf den ersten Blick unübersichtlich wirken, folgt aber einer klaren Grundstruktur: sechs Jahre Primaria, vier Jahre ESO und danach verschiedene Bildungswege. Wer aus Deutschland kommt, wird vor allem feststellen, dass die Bildungswege anders organisiert sind als im deutschen Schulsystem. Besonders die Formación Profesional bietet eigenständige Bildungswege, die je nach Abschluss auch bis zu einem Hochschulstudium führen können.
Wenn ihr mit euren Kindern nach Spanien auswandert, lohnt es sich, die Anmeldefristen für die jeweilige Region frühzeitig im Blick zu haben. Die Verfahren unterscheiden sich nämlich von Comunidad zu Comunidad. Genau bei solchen bürokratischen Fragen rund um die Anmeldung, die Anerkennung von Zeugnissen oder einen Schulwechsel unterstütze ich euch gerne – meldet euch einfach, wenn ihr dazu Fragen habt! 😊

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